1.3. Wichtige Schauplätze

Die wichtigsten Aufzuchtgebiete des ungarischen Steppenrindes waren die ungarische Tiefebene, die Täler der Flüsse Kőrös und Maros, Siebenbürgensowie Gebiete weiter östlich von Ungarn wie Podolien, die Moldau, die Walachei und die Ukraine.Diese weniger dicht besiedelten Landschaften boten dem Vieh riesige Weideflächen, wo es nach Herzenslust frei grasen konnte. Die Graurinder wuchsen in größeren Herden auf und wurden im Alter von 3 bis 5 Jahren für den Export ausgewählt. Das Gewichtsminimum für einen ungarischen Exportochsen lag bei 4,5 Doppelzentner, also bei 450 kg, darunter bestand ein Ausfuhrverbot.

In der ungarischen Tiefebene und in Siebenbürgen wurden im 16. Jahrhundert um die 3 Millionen Rinder jährlich gehalten. Das bedeutete einen Viehbestand von 2.000 Rindern pro 1.000 Einwohner, im 17. Jahrhundert stieg die Zahl sogar auf 3.200 Rinder pro 1.000 Einwohner. Diese Mengen reichten sowohl für den Export als auch für die Versorgung der eigenen Bevölkerung.

Viel Brachland, ein günstiges Klima, ein für die Bauern günstiges Pachtsystem und die Befreiung der Rinderhaltung von staatlichen oder grundherrlichen Abgaben führten in der ungarischen Tiefebene zu einem Aufschwung der Rinderzucht und damit zum Aufblühen und Wachstum der ungarischen Marktflecken. Zwischen dem 15. - 17. Jahrhundert wurde 50 - 60 Prozent des ungarischen Nationaleinkommens allein durch die Rinderzucht und die Ochsenexporte erwirtschaftet. Weitere wichtige Exportgüter waren Kupfer, rassige Pferde und ungarischer Wein.

Viehmärkte

Neben dem Wiener Ochsengries, dem Hauptumschlagplatz der ungarischen Graurinder, gab es verschiedene andere Märkte in Österreich, jeweils zu festen Terminen zwischen Mai und September. So hätte der Kalender des Ochsenhändlers im 16. Jahrhundert aussehen können:

25. Mai (St. Urban) – Bruck an der Leitha
15. Juni (St. Vitus) – Götzendorf
04. Juli (St. Ulrich) – Ebenfurth
10. August (St. Laurentius oder St. Lorenz) – Himberg
14. September (Hl. Kreuz) – Laxenburg
25. November (Kathreinmarkt) – Wiener Ochsengries

An dieser Auflistung sieht man, dass in den wärmeren Monaten ziemlich regelmäßig, einmal im Monat, Märkte abgehalten wurden. In Wien dagegen konnte man jeden Freitag und fast ganzjährig ungarische Ochsen ersteigern. Manche Händler konnten so auch zwei Marktbesuche, einen in Wien und einen in Niederösterreich, miteinander verbinden.
Die Stadt Wien besaß das so genannte Stapelrecht, damit waren Käufer wie Verkäufer gezwungen, ihre Viehkäufe in Wien bzw. in Auspitz abzuwickeln.Der Wiener Ochsengries befand sich östlich der Innenstadt, im III. Stadtbezirk, auf dem Gebiet des heutigen Stadtbahngeländes. Auch in Westungarn fanden regelmäßig Viehmärkte statt: in Raab/Győr, in Altenburg/Magyaróvársowie in Sommerein/Hegyeshalom.

Triebwege/Triften

Im Laufe der Zeit entstand ein ganzes Netz von zahlreichen einzelnen Ochsenwegen, die teils parallel zu den vorhandenen Straßen, teils diese kreuzend, quer durch Europa führten und je nach Zustand, Witterung und Jahreszeit unterschiedlich häufig genutzt wurden. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ochsentreiber nicht die allgemeinen Verkehrswege und Landstraßen benutzten, die von Kutschen, Planwägen, Händlern, Pilgern und anderen Reisendenfrequentiert wurden. Sie vermuten, dass die Ochsenherden diese Wege einerseits komplett verstopft hätten, andererseits wären dieseschnell von Kot und Harn verunreinigt und nicht mehr passierbar gewesen. In Süd- und Mitteldeutschland wurde das Vieh erwiesenermaßen auch auf den normalen Landstraßen bzw. auf alten Handelsstraßen getrieben.

Vermutlich führten die Ochsenwege meist entlang der Flussniederungen und in der Nähe von Gewässern, denn so standen Tränke wie Futter für die Tiere praktisch zur Verfügung. An manchen Stellen waren riskante Flussüberquerungen notwendig, so zum Beispiel bei der Furt durch den Inn bei Schärding.

Je ortskundiger die Ochsenbegleiter waren, desto besser konnten sie auf die örtlichen Gegebenheiten oder wetterbedingte Hindernissereagieren. Der Ochsentrieb erforderte demnachumfangreiche Vorbereitungen und ortskundige, kampferprobte, belastbare Männer für die Tour. Die Triebrouten mussten im Vorfeld mit den jeweiligen Territorialherren abgesprochen werden, Wasser und Futter für die Tiere waren inregelmäßigen Abständen erforderlich und außerdem sollte gewährleistet werden, dass die Ochsen die anliegenden landwirtschaftlichen Flächen nicht zertrampeln, kahl fressenoderverunreinigen.
Um Flurschäden zu verhindern, wurde der Weg in manchen Gebieten, wie zum Beispiel auf der Strecke von Raab/Győr bis Wien, durch in gleichen Abständen aufgestellte Stangen ausgewiesen und markiert. Die Breite des Triebweges betrug hier stolze 140 Meter.

Manche Wege durften infolge der Dreifelderwirtschaft nur jedes dritte Jahr benutzt werden, wenn die Felder gerade brach lagen, wie in Altomünster, Zeitlbach und Friedberg. Es gab auch Verbote, wie im Falle des KlostersScheyern. Hier durften die Herden die Wege gar nicht passieren. Und auch wenn es mal Streitigkeiten mit Territorialherren oder Anrainern wegen Flurbeschädigungen gab, verlief der Trieb in den meisten Fällen doch relativ reibungslos.

Viele Flurnamen wie Ochsenstraße, Ochsenweg, Ochsengasse, Ochsenrie usw. entstanden sicherlich im Zusammenhang des transkontinentalen Ochsentriebes und zeugen heute noch davon, dass dort große Viehherden aus Ungarn und Osteuropa vorbeizogen. Einige Ortsbezeichnungen beziehen sich auf die Unterbringung und Versorgung der Tiere wie Ochsenbrunn, Ochsenweid u. Ä. Die zahlreichen Flurnamen und andere sprachliche Relikte (Familien- und Ortsnamen) müssen jedoch nicht zwangsweise etwas mit den ungarischen Ochsen und dem Viehhandel zu tun haben, es können in vielen Fällen auch Hinweise auf die heimische Ochsenhaltung sein.Einen eindeutigen Bezug zum Ochsentrieb mit ungarischen Ochsen hatzum Beispiel „derUngarsteig“ in Breitenberg.

Triebrouten

Die Triebrouten sind aufgrund der bisherigen Forschung teilweise bekannt und belegbar, das gesamte Netz der Wege ist jedoch nicht lückenlos und vollständig festzulegen.  Der Verlauf der Triebwege von der heutigen österreichisch-ungarischen Grenze lässt sich ziemlich genau anhand der vorhandenen Dokumente nachverfolgen:

Von Raab/Győr führte der Weg über Ungarisch Altenburg/Magyaróvár, Straßsommerein, Nickelsdorf (heutige Grenzstation) bis nach Zurndorf. Von hier aus gabelte sich der Weg in zwei Richtungen, der eine führte von Parndorf nach Bruck an der Leitha, der andere über Prellenkirchen, Schönabrunn, Petronell nach Fischamend und dann entlang der Donau bis nach Wien. In Bruck an der Leitha teilte sich der Weg wieder in zwei Stränge, der eine führte von Bruck über Stixneusiedl, Trautmannsdorf, Gallbrunn, Margarethen am Moos und Schwadorf nach Fischamend und weiter über Schwechat, Mannswörth, Ebersdorf und Simmering nach Wien. Der andere Strang ging von Bruck über Trautmannsdorf, Götzendorf, Ebergassing, Himberg  und Achau nach Laxenburg.
Die Strecke zwischen Wien/Enns und Ebelsberg, Linz ist nicht hinreichend erforscht. Als mögliche Etappenorte sind die Ortschaften Wieselburg, St. Pölten, Amstetten und Enns aus einer Quelle (1422) bekannt. Dafür ist die Strecke Ebelsberg – Schärding und von dort weiter nach Augsburg belegt.
Von Ebelsberg führte der Weg über Kleinmünchen – Hart – Jetzing – Hitzing – Straßham bis nach Schärding, die Strecke heißt zwischen Schönering und Alkoven „Ochsenstraße“. Eine weitere alte „Ochsenstraße“ in Österreich führt von Hitzing nach Leonding und Linz bzw. nach Pasching und Traun.

Von Wien aus nördlich der Donau führte eine Strecke entlang über Pregarten, Klafferwald und das Tal des Schwarzen Regen, über Viechtach – Cham – Schwandorf nach Nürnberg.

Mehrere Routen führten nach Augsburg:
1. Schärding – Straubing – Langquaid – Neustadt – Geisenfeld – Schrobenhausen – Kühbach – Aichach – Dasing – Friedberg – Augsburg
2. Schärding – Landshut – Moosburg – Pfaffenhofen oder
3. Freising – Allersthausen – Petershausen – Altomünster oder
4. Zeidlbach – Friedberg – Augsburg

Mautstellen

Überall dort, wo die Ochsenherden Grenzen, Brücken, Furten, Gebirgspässe oder Stadttore passieren mussten, wurden Zölle oder Mautgebühren kassiert und in vielen Fällen auch schriftlich festgehalten. Diese Register und Aufzeichnungen geben über den Umfang und die Dauer des Ochsenhandels ziemlich gut Auskunft und dienen den Forschern heute als wichtige Quellen für die historische Arbeit.
Bekannte Mautstellen waren zum Beispiel in Österreich die welserischeViehmaut von Ebelsberg (heute ein Stadtteil von Linz), Pregarten oder Linz; auf deutschem Boden Niederpöring, Schrobenhausen, Aichach, Friedberg und Riedenburg im oberpfälzischen Altmühltal.

Mastzonen

Für die Aufmästung der Tiere vor dem Verkauf oder vor der Schlachtung standen spezielle Mastgebiete, kleinere Weideflächen in der Nähe der Verbrauchszentren, zur Verfügung. Hier sollten die Ochsen auf ihr endgültiges Schlachtgewicht gebracht werden und einen höheren Fleischanteil bekommen. Außerdem wurden die Tiere hier als Schlachtviehreserven für die Städte gehalten, um auch für die Wintermonate vorzusorgen.

Mastzonen gab es bereits im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet, im Seewinkel am Neusiedlersee. Diese Weideflächen lagen quasi auf dem Weg, wenn man das Vieh von Raab/Győr oder von Altenburg/Magyaróvár kommend Richtung Bruck an der Leitha treiben wollte. Hier konnte das Vieh noch einmal vor dem Markttermin auf ein besseres Schlachtgewicht gebracht werden. Eine kleinere Mastzone befand sich in der Nähe von Himberg, das ebenfalls als Jahrmarktort bekannt war. Diese Mastzonen im Umkreis der österreichischen Ochsenmärkte dienten auch als „Zwischenlager“ für die Tiere, die auf dem Markt nicht verkauft werden konnten und bis zum nächstmöglichen Verkaufstermin untergebracht werden mussten. Direkt an die Viehmärkte angrenzend gab es ebenfalls „Parkplätze“ für die noch zu verkaufenden Ochsen.

Am bekanntesten von diesen Mastzonen ist die Meringer Au, die sich damals  im Besitz der bayerischen Herzöge  befand. Im Jahre 1526 wurde ein Abkommen zwischen Herzog Wilhelm von Bayern und der Augsburger Metzgerzunft geschlossen, wonach die Augsburger Metzger das günstig gelegene und relativ große Weideland gegen Bezahlung nutzen durften. In diesem Schreiben wurde auch die Anzahl der Weideochsen auf der Meringer Au bei maximal 500 festgeschrieben. Fläche wie Aufnahmekapazität wurden im 17. Jahrhundert auf 700 Ochsen ausgeweitet. Von den Metzgern selbst wurde festgelegt, wie viele Ochsen jeder einzelne hier weiden lassen durfte. 1539 waren es 20 Tiere pro Metzger. Die Verwaltung der Ochsen auf der Meringer Au oblag dem so genannten Aumeister, der auch die Zugehörigkeit der einzelnen Tiere zu überwachen versuchte. Während die Ochsen in Ungarn zur Unterscheidung mit Brandzeichen markiert wurden, verwendete man in der Meringer Au Schnittzeichen. Da diese jedoch nach einiger Zeit mit dem Fell des Tieres verwachsen waren, gab es trotz der Markierungenleidige Diskussionen, wem das eine oder andere Vieh gehörte.

Auch die Stadt Nürnberg kümmerte sich im 16. Jahrhundert um Weideflächen für die Importochsen in der Nähe der Stadt und zahlte die Pacht für die Weidennutzung. Nicht verkauftes Vieh durften die Ochsenhändler kurzfristig im Reichswald weiden lassen. Damit wollte der Stadtrat verhindern, dass das Vieh in andere Städte getrieben wurde. Weitere Weidemöglichkeiten fanden die süddeutschen Metzger in der Pfalz, im Nördlinger Ries bei Wemding,  in Weißenburg oder in Scherneck.

Abnehmerstädte

Die ersten historischen Quellen belegen den Handel mit ungarischen Ochsen in Ulm und Nürnberg. Weitere Reichsstädte wie Augsburg, München, Regensburg, die Residenzstadt Neuburg an der Donauund andere folgten. Viele Tiere kamen aber noch weiter Richtung Westen, nach Frankfurt, Straßburg oder sogar bis nach Köln.

Augsburg war im 16. Jahrhundert mit ca. 25.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Deutschlands und mit den Fuggern und Welsern eine der bedeutendsten Handelsstätten Europas. Die Augsburger lagen in den 70er-Jahren des 16. Jahrhunderts an erster Stelle, was die Anzahl der importierten Ochsen anbelangt.

Eine herausragende Rolle im Ochsenhandel spielte neben Augsburg auch Nürnberg, die drittgrößte deutsche Stadt im 16. Jahrhundert. Die wohlhabenden Kaufleute und Handelsgesellschaften in beiden Reichstädten machten mit ihrem Kapital die Finanzierung der mehrmonatigen Geschäfte in solchem Ausmaß erst möglich. In Nürnberg erinnert uns die lebensgroße Ochsenstatue, das Ochsenportal über der Fleischerbrücke am Hauptmarkt an die Zeiten des großen Viehhandels mit Ungarn.

 

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