1.4. Finanzierung, Organisation und Logistik

Der europäische Ochsenhandel war ein bestens organisiertes Geschäft, mit einem – wie wir heute sagen würden – internationalen Netzwerk. Wie das Beispiel von Augsburg zeigt, wurden die Metzger selbst aktiv und beteiligten sich rege an diesen Handelsbeziehungen. Für die Beschaffung von Ochsenfleisch wurde viel Kapital benötigt, deshalb vereinigten sich die Metzger oft und gründeten eigene Gesellschaften, um den Einkauf auf dem Wiener Fleischmarkt oder anderen westungarischen oder österreichischen Viehmärkten vorfinanzieren zu können.

Das bewirkte natürlich eine Chancenungleichheit, da weniger kapitalkräftige Metzger oder kleinere Gesellschaften beim Geschäft mit den ungarischen Viehzüchtern schlechtere Karten hatten. Die Gesellschafter beteiligten sich am Geschäft mit bestimmten Anteilen, dadurch wurde auch das Risiko reduziert und unter mehreren Teilnehmern verteilt. Ein oder zwei Metzger machten sich dann auf den Weg nach Wien oder nach Ofen/Pest, um dort im Auftrag der Metzgervereinigung das Vieh einzukaufen. Die Reisezeit für die beauftragten„Einkäufer“, die meistens auf dem Pferd unterwegs waren, betrug oft mehrere Wochen oder Monate.

Die Bezahlung erfolgte dann teilweise bar, teilweise in Wechseln. Später beteiligten sich auch kapitalkräftige Augsburger Kaufleute an der Finanzierung größerer Geschäfte und unterstütztendie Metzgerleute als Kreditgeber. Die Fugger tauchen in diesem Zusammenhang ebenfalls als Kreditgeber von Einkaufsgesellschaften auf. Das war bei größeren Transaktionen auch zwingend notwendig, da die Metzgergesellschaften den Kauf von mehreren Tausend Ochsen trotz Zusammenschluss nicht aus eigenen Mitteln finanzieren konnten. Die Metzger oder Händler, die Kredite zu tilgen hatten, konnten in bestimmten Fällen ihre Schuld auch in Form von Naturalien, mitFellen und Häuten begleichen. Falls Kredite und Bares nicht ausreichten, wurden Wechsel oder Schuldbriefe mit verschiedenen Zahlungszielen ausgestellt. Städtische Kredite für Metzger gab es auch in der Stadt Nürnberg, wo ein eigens für diesen Zweck ins Leben gerufene Ochsenamt die Gelder für die Fleischbeschaffung bewilligte und vergab.

Tauschgeschäfte zwischen Ost und West waren auch sehr üblich: Während die Ungarn ihre Tiere verkauften, brachten sie von westlichen Händlern gefärbte Tücher, Textilien, Metallwaren, Werkzeug, Waffen oder Gewürze mit nach Hause. Ein Händler aus Köln lieferte zum Beispiel im Jahre 1407 Kanonen gegen Ochsenfleisch an die ungarische Stadt Ödenburg (Sopron).

Eine interessante Episode ist in diesem Zusammenhang, dass es damals auch Geldtransporte gab. Ein gewisser Mathias Stainher verschickte Geld innummerierten „Stockveßlen“ per Schiff von Regensburg nach Wien.  Das Geld diente als Vorschuss für die Viehkäufer. Wer bar auf dem Ochsengries zahlen konnte, war der Konkurrenz gegenüber eindeutig im Vorteil und konnte sogar die Preise etwas drücken. Für die Vorauszahlungen wurden oft Schuldbriefe ausgestellt. Häuser und sonstige Güter der Metzger und Großviehhändler dienten hier als Sicherheiten und konnten bei Zahlungsversäumnissen gepfändet werden.

Auch der Ochsentrieb musste genauestens organisiert und vorbereitet werden. Die Einkäufer sorgten für die Wegvorbereitung, warben Ochsentreiber an, bestellten Rastplätze und Futter für die Tiere und Quartiere für das Begleitpersonal. Außerdem kümmerten sie sich um Zollfreibriefe oder Mautbestimmungen oder um eventuelle Schadensregulierung. Einelogistische Herausforderung, die damals ohne die schnellen Kommunikationswege, die wir heute kennen, zu bewältigen war.

 

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