2.1.1 Die "Fleischspeisekammer" Europas

Die Bedeutung der Rinderzucht und des Ochsenhandels in Ungarn

Das 15. Jahrhundertstellte in der ungarischen Geschichte eine Blütezeit dar: Sigismund von Luxemburg (1368-1437), der erfolgreiche Heerführer und Staatsmann János Hunyadi und später sein Sohn König Matthias Corvinus (1458–1490) machten das Land mit diplomatischem Geschick und militärischen Erfolgen zu einem wichtigen und florierenden Staat in Mitteleuropa. Der in der Bevölkerung äußerst populäreund als „der Gerechte“ bezeichnete König Matthias, um dessen Person sich zahlreiche Sagen und Geschichten ranken, brachte die Kultur der Renaissance und des Humanismus nach Ungarn. Das Land wurde im 15. Jahrhundert auch ein geistiges Zentrum in Europa und verfügte beispielsweiseüber die zweitgrößte Bibliothek nach dem Vatikan.Unter Matthias‘ Herrschafterreichte Ungarn seine größte Ausdehnung und umfasste kurzzeitig auch Ostösterreich, Mähren und Schlesien. Doch nach dem Tod des Königs (1490) verfieldasLanddem Chaos, die Machtkämpfe um die Thronfolge brachten Unruhe und Unzufriedenheit. Der Bauernaufstand gegen die Großgrundbesitzer unter der Führung von György Dózsa (1514) wurde blutig niedergeschlagen. Die größte Niederlage folgte aber erst 1526. Bei Mohács unterlagen die Soldaten des ungarischen Königs Ludwig II. den Truppen des türkischen Sultans Suleiman I. Das Wort Mohács gilt in der ungarischen Sprache heute noch als ein Synonym für eine große nationale Katastrophe. Ab diesem Zeitpunkt begann die 150-jährige türkische Herrschaft und Ungarn zerfiel in drei Teile: Zentralungarn wurde als Provinz direkt ins Osmanische Reich eingegliedert. Das damalige Fürstentum Siebenbürgen im Osten wurde ein osmanischer Vasallenstaat, wenn auch mit einer gewissen Autonomie. Der Rest des Königreichs Ungarn, bestehend aus dem Burgenland, einem schmalen Streifen im Westen Ungarns, dem Westen Kroatiens, der Slowakei und Nordungarn fielen als Erbe an die Habsburger.
1683 besiegte die Heilige Liga (eine Allianz aus Polen, Habsburgern, Venedig und Bayern) die Türken bei Wien und bereitete damit der langjährigen Türkenherrschaft in Ungarn ein Ende. Doch frei wurde Ungarn dadurch noch lange nicht. Das Land und seine Bewohner kämpften fortan gegen die absolutistische Herrschaft der Habsburger und für die Unabhängigkeit. In diesen – meist recht turbulenten – Zeiten spielte sich der transkontinentale Ochsentrieb ab, der dem von Kriegen und inneren Unruhen stark gebeutelten Land einen wirtschaftlichenAntrieb gab und bestimmte Regionen trotz der äußeren Umstände zum ökonomischen Aufschwung verhalf.
Im 14. und 15. Jahrhundert kam es vielerorts zu einer Entvölkerung der Dörfer in Ost- und Mitteleuropa. Auch in Ungarn führten wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren, Hungersnöte, Epidemien und Kriege zum Aussterben von Siedlungen. Diese Entwicklung begann bereits unter demSturm der Tataren und setzte sich unter der türkischen Herrschaftweiter fort. Die Bewohner kleinerer Dörfer zogen in größere Siedlungen um, wo sie besseren Schutz fanden. Viele Felderlagen längere Zeit brach, so dass sich die natürliche Vegetation wieder ausbreiten konnte. Auf diese Weise bildeten sich große, unbewohnte Flächen, die insbesondere in der Weite derungarischen Tiefebenebeste Voraussetzungen für die Rinderhaltung boten.Ein günstiges Pachtsystem ermöglichte den Großbauern der umliegendenMarktflecken, die Flächen rentabelfür die Rinderzucht zu nutzen. Diese Marktflecken mit ausgedehnten Weideflächen spezialisierten sich zunehmend auf die Viehzucht im großen Stil.Die führende Schicht, die sich als Abgrenzung von den einfachen Bauern „Bürger“ (cívis) nannte, bestand in erster Linie aus reichen Viehzüchtern.  Diese nahmen oft selbst Handelsbeziehungen mit dem Westen auf.

Die wirtschaftlichen Erfolge der Rinderzucht und des florierenden Viehhandels wirkten sich äußerst positiv auf die Entwicklung der größeren Siedlungen aus. Der erwirtschaftete Überschuss ermöglichte einigenMarktflecken und Städten die Unabhängigkeit, die Selbstverwaltung und ebnete somit den Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg. Die größten Zentren der Viehzucht wurden Debrecen und Kecskemét. Weitere Zentren waren Nagykőrös und Cegléd. Um 1550 besaß ein einziger Bürger von Debrecen, ein Mann namens Gáspár Bíróallein 10.000 Stück Vieh – das bedeutete damals Reichtum.
Die Einkünfte bereicherten jedoch nicht nur die Zuchtgebiete und ihre Umgebung. Auch die entlang der Handelsrouten liegenden Siedlungen profitierten starkvom transkontinentalen Handel. Die riesigen Herden brauchten unterwegs Wasser und Weideflächen, die ihnen gegen eine sogenannte „Grasmiete“ (fűbér) zur Verfügung gestellt wurden.Die Ochsentreiber wurden in Tschardas und anderen Gasthäusern mit Speisen und Getränken versorgt. Bei der Überquerung von Flüssen mussten Gebührenentrichtet werden. Insgesamt handelte es sich um beachtliche Einnahmequellen. Allein zwischen dem 22. Juli 1563 und dem 9. März 1564 wurden 30.428 Rinder durch den Hafen von Vác (Waitzen) getrieben, das an der Hauptverkehrslinie nach Wien und Deutschland lag. Einem Bericht des Hafenbuchs zufolge stammten alle Tiere aus derungarischen Tiefebene. Von den Steuern und Zollgebühren profitierte aber auch die königliche Schatzkammer. Die Dreißigstzolleinnahmenwurden schon während der Regierungszeit von König Matthias (1458-1490) auf 50.000 Gulden geschätzt.  Und die wahre Blütezeit des Handels kam erst später, im 16. Jahrhundert.
Die Siedlungen, an denen Rindermärkte abgehalten wurden, erlebten ebenfalls einen wirtschaftlichenBoom. Bedeutende ungarische Städte waren Győr (Raab) und Sopron(Ödenburg), die direkt an der Handelsroute nach Deutschland lagen.
Aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch brachte der Ochsenhandel Vorteile mit sich. Die Einnahmen aus dem Viehexport spielten auch beim Kampf gegen die Türken eine bedeutende Rolle, da so die Versorgung der Soldaten sichergestellt werden konnte. Beispielhaft waren die Bestrebungen der Familie Zrínyi, die zwar durch ihre Güter und Handelstätigkeit große Beträge erwirtschaftete, diese Einnahmen jedoch größtenteils für militärische Ausgaben verwendete, um Kroatien-Slavonien und Ungarn gegen die türkischen Truppen zu verteidigen.
Zwischen 1541 und 1552 fiel die gesamte ungarische Tiefebene in die Hände der Türken. Die osmanische Herrschaft verursachte zunächst einmal keine wirtschaftliche Verschlechterung, da der türkische Fiskus auch Abgaben forderte und allzu gern vom wirtschaftlichen Aufschwung und von den Zolleinnahmen profitierte. Die Stadt Debrecen zum Beispiel erkaufte ihre Unabhängigkeit durch Tributzahlungen. Deshalb ließen die türkischen Besetzer die Herden zum Königreich Ungarn und weiter in den Westen ziehen und behinderten die Ausfuhr in der Regel nicht. Die Ochsen wurden durch die türkischen und ungarischen Zollstätten auf die großen Viehmärkte des Königreichs gebracht, dort von professionellen Ochsenhändlern aufgekauft, um dann weiter Richtung Deutschland oder Venedig getrieben zu werden.

Von den ungarischen Zollpapieren ist leider nur wenig erhalten geblieben, so zum Beispiel einige Verzeichnisse der türkischen Zollstätte bei Vác (Waitzen) zwischen 1560 und 1562, die über Mengen von 140.823 und 30.070 durchgetriebenen Ochsen Auskunft geben. Außerdem sindRechnungsbüchervon 19 Dreißigstämternan der Westgrenze des Königreichs aus dem Jahre 1542 bekannt:In dieser Zeit wurden 27.539 Ochsen aus Ungarn ausgeführt. Das machte damals 85 % des Exportgesamtwertes aus. Für das 16. Jahrhundert schätzen Forscher die Zahlen auf etwa 150.000 Rinder pro Jahr. Der Löwenanteil des Exports, 82 % des gesamten Außenhandels, richtete sich im 16. Jahrhundert nach Westen, nur ein geringer Anteil der Exportgüter verließ das Land in andere Himmelsrichtungen.
Zwischen 1500-1700 machte die Rinderzucht in Ungarn 50-60 % des Nationaleinkommens aus , d. h. sie war lange Zeit die wichtigste Einnahmequelle für verschiedene Bevölkerungsschichten und damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
OCHSENTREIBER ALS POSTBOTEN
Die Metzgerpost von Debrecen

Schrobenhausen

Die ungarischen Metzger und Viehhändler, die oft selbsthunderttausende Graurinder in Richtung Westen trieben, kannten die Wege, Wiesen, Furten wie ihre Westentasche und waren regelmäßig zwischen Ost und West unterwegs. Daher lag es auf der Hand, dass Sie ab dem 15. Jahrhundertauch Nachrichten und Briefe mitbeförderten. So entstand die sogenannte „Metzgerpost“. 1478 erhielten die Metzger von Debrecen eine Zunftordnung, laut der sie Maut- und Steuerermäßigungen genossen, da sie die Post unentgeltlich beförderten. Bevor sie sich auf den Weg machten, übernahmen sie die Briefe vom Stadtrichter und den Bürgern der Stadt und beförderten diese meist mittels reitender Boten. In jeder anderen Stadt machten die Metzgerboten mit dem Horn auf sich aufmerksam, übergaben die Post und nahmen weitere Sendungen entgegen. Während der türkischen Herrschaft gab es zwar Versuche, eine richtige Post zu etablieren, doch eine offizielle Stadtpost von Debrecen gab es erst ab 1720.