2.1.3 Die berühmte Puszta und ihre Hirten

Die Puszta ruft bei vielen wildromantische Vorstellungen mit endlosen Steppen, geschickten Reitern, rassigen Pferden und urigen Tschardas mit Zigeunermusik hervor. Auch in der ungarischen Dichtung und in der Volksmusik spielen die Puszta und ihre Bewohner eine wichtige Rolle. Der ungarische Nationaldichter SándorPetőfi besang die Schönheit der Landschaft in zahlreichen Gedichten. Die berühmten Zeilen „Weit, wo der Himmel die Erde berührt“ stammen aus seinem Gedicht „Alföld“, einer Liebeserklärung an die ungarische Tiefebene. Die Gegend vermittelt tatsächlich ein Gefühl der endlosen Weite und Freiheit.

Bezeichnend für die Landschaft sind die Ziehbrunnen (gémeskút), die für die Wasserversorgung der Herden unentbehrlich waren. Ein Graurindallein braucht am Tag rund 30 - 60 Liter Wasser, es ist kaum vorstellbar, wie viele Male die Hirten beim Tränken der Herde den Eimer hochziehen mussten. Die Brunnen dienten aber auch zur Orientierung auf der recht monotonen Tiefebene und sogar zur Kommunikation. In der Sommerhitze kann man mit etwas Glück auf der Puszta auch eine Art Fata Morgana (délibáb) erleben: Die Luft scheint zu flimmern und die Häuser und die Tiere am Horizont stehen plötzlich auf dem Kopf!


GEHEIME BOTSCHAFTEN: Ziehbrunnen als Kommunikationsmittel der Hirten

Was bei den Indianern die Rauchzeichen waren, waren für die ungarischen Hirten die Ziehbrunnen der Puszta. Bei klarem Wetter konnte man auf dem flachen Land ziemlich weit sehen und so konnten die Ziehbrunnen mit ihren verschiedenen Stellungen Nachrichten in die Ferne transportieren. Andere Hirten sollten mit vereinbarten Zeichen gewarnt werden, wenn zum Beispiel Gendarmen oder andere Amtspersonen sich näherten, das Wasser des Brunnens vergiftet war oder aber Tiere, die offiziell nicht zur Herde gehörten, schnell beiseite geschafft werden sollten. Aber auch freudige Nachrichten konnten übermittelt werden, dass etwa das Mittagessen fertig sei oder, dass Frauen zu Besuch bei den Hirten sind. 


Eine herausragende Rolle bei der Rinderzucht spielten die Hirten. Auch heute werden noch zahlreiche von ihnenauf dem Gebiet des Nationalparks beschäftigt. Viele stammen aus Familien, die seit Generationen mit diesem Beruf verbunden sind. Das Wissen um die Tiere und die Natur, die vielseitigen Erfahrungen wurden von den Vätern an die Söhne weitergegeben.
Neben der vielerorts bekannten Hierarchie der Hirten je nach Wert und Prestige der behüteten Tiere (Pferdehirte, Rinderhirte, Schafhirte, Schweinehirte und Gänsehirte) gab es auch den sogenannten „számadó“, der die Verantwortung für die Herde innehatte und Rechenschaft über Anzahl und Verbleib der Tiere abgeben musste und den „bojtár“, der unmittelbar mit dem Hüten der Tiere beschäftigt war.

Die Kleidung der Hirten bestand aus einem blauen Hemd (früher war der Stoff mit Asche gefärbt und eher schwarz) und einer blauen, sehr weiten Hose, hinzu kamen eine schwarze Weste und der obligatorische Hirtenhut, geschmückt mit einer Vogelfeder. Die Feder gab oft Auskunft über die Hierarchie der Hirten: Kranich-, Trappen oder Reiherfeder wurden angesteckt.Die Hüte aus Schafwolle dienten auch als Regen- oder Sonnenschirm. Der dichte, mit Fett behandelte Filz war wasserdicht und ließ das Regenwasser am heruntergekrempelten Hut ablaufen. Im Winter wurde die Garderobe des Hirten mit einem – oft reichlich verzierten oder bestickten – Hirtenmantel (szűr, cifraszűr) ergänzt. Dieser wurde aus Schafwolle hergestellt und schützte den Hirten gegen Wind und Kälte. Bei Regen und im Wintertrugen die Hirten auch einen Umhang aus Schafleder oder Schafspelz (suba).Anfangs besaßen die Hirten oft nur einfache Bundschuhe, diese wurden später von den widerstandsfähigeren Stiefeln, die auch beim Reiten unerlässlich waren, abgelöst.
Wichtige Begleiter der Tierhüter waren die Hirtenhunde, die den Menschen beim Treiben der Herde, aber auch beim Beschützen des Viehs wertvolle Hilfe leisteten.

DAS LEIBGERICHT DER RINDERHIRTEN - Gulasch – das ungarische Nationalgericht

Mit dem Wort „gulyás“ bezeichnet man im Ungarischen einen Rinderhirten, aber auch das beliebte ungarische Fleischgericht wird so genannt.
Die Ursprünge des Gulaschs reichen bis ins Mittelalter zurück, es wurde von den ungarischen Hirten am offenen Feuer in einem Kessel zubereitet. Anfangs war eseine recht einfache Suppe aus geröstetem Fleisch und Zwiebeln. Kartoffeln und Paprika kamen später als wichtige Bestandteile dazu, da diese Lebensmittel erst nach der Entdeckung Amerikas allmählich Einzug in die europäische Küche hielten. Die für die ungarische Küche heute so unerlässliche und meist scharfe Paprika als Gewürz verbreitete sich im Land erst ab dem 18. Jahrhundert, zunächst unter dem Namen „türkischer Pfeffer“.
Das Gericht, das man in Deutschland als Gulasch bezeichnet, nennen die Ungarn eigentlich „pörkölt“ oder „paprikás“. Gulasch bzw. „gulyás“ ist in Ungarn eine Suppe mit Zwiebeln, viel Paprika, Fleisch und Kartoffeln.

Die Fähigkeiten im Kunsthandwerk wurdenebenfalls von Generation zu Generation weitergegeben und perfektioniert. Die Hirten konnten aus Leder Taschen, Gürtel und Messeretuis anfertigen. Die geflochtene Ringelpeitsche (karikásostor)war ein wichtiges „Werkzeug“ beim Trieb der Herden. Aber auch im Schnitzen hatten die Pusztahirten viel Erfahrung. Neben Holzschnitzereien (Flöten, Pfeifen, Stöcke) sind auch die in Horngegenstände geritzten Motive bekannt: wunderschön geschmückte Trink- und Blashörner, Gefäße für Gewürze u.a.Und nicht zuletzt galten sie als „Archivare“ der Volksliteratur und der Volksmusik, sie konnten und können heute noch allerlei Märchen und Geschichten über die Puszta und ihre Bewohner erzählen und zahlreiche Volkslieder singen.

Die Institution der „Ewigen Hirten“ wurde 2007 gegründet. In diesen erlesenen Kreis werden diejenigen gewählt, die besondere Dienste in diesem Beruf geleistet haben. Der Kreis besteht aus zwölf Personen. Stirbt eines der Mitglieder, so wird ein neuer Hirte in die Runde gewählt.

 

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