2.2.1 Transitland Österreich

Vom Wiener Ochsengries bis nach Schärding

4.1. Österreichs Rolle im transkontinentalen Ochsenhandel

Zwischen den osteuropäischen Aufzuchtgebieten und den süddeutschen Verbraucherregionen lag das Transitland Österreich, das mit seinen zahlreichen Viehmärkten, Wegen, Straßen, Furten und Mautstellenmehrere hundert Jahre lang am transkontinentalen Ochsentrieb beteiligt war.Einige Städte, vor allem Wien, waren auch als Fleischabnehmer in diese Routen integriert,die vorhandenen Quellen weisen jedoch darauf hin, dass die Mehrzahl der Ochsen in die süddeutschen Städteoder nach Venedig weitergetrieben wurde. Viehmärkte, Mauten und andere Transitabgaben sicherten den Regionenam Oxenwegdennoch gute Einnahmen.
Wie sah die politische Situation dieser Region im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit aus? Nach dem Aussterben der Babenberger kam das Herzogtum Österreich 1282 an die Habsburger. Diese bauten durch eine geschickte Heirats- und Bündnispolitik eine europäische Großmacht auf. Ab 1452 trugen die Habsburger die Kaiserkrone des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ in fast ununterbrochener Folge. 1522 erfolgte die Teilung des Hauses Habsburg in eine spanische und in eine österreichische Linie. Die österreichische Dynastie erhielt 1526 durch einen Erbvertrag Böhmen und Ungarn und legte damit den Grundstein für den späteren Vielvölkerstaat. Die große Herausforderung des 16. Jahrhunderts waren die aus dem Osten vordringenden Türken. 1529 belagerten die osmanischen Truppen erfolglos Wien. Die Eindringlinge wurden zwar zurückgedrängt, doch in den nächsten 150 Jahren blieb die Bedrohung weiterakut. 1683 standen die Türken erneut vor den Toren Wiens. Diesmal konnten sie nicht nur abgewehrt, sondern bis hinter Belgrad zurückgedrängt werden. Im 18. Jahrhundert schufen die Herrscherin Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. mit ihren Reformen die Grundlagen für einen modernen Staat.

4.2. Wien – der zentrale Umschlagplatz des Ochsenhandels

Das erste wichtige Ziel auf dem Weg der Ochsenhändler war der Handels- und Verkehrsknotenpunkt Wien. Der Hauptumschlagplatz der ungarischen Graurinder war für lange Zeit der Wiener Ochsengries.
ZENTRUM DES OCHSENHANDELS
Vom Wiener Ochsengrieszum Central-Viehmarkt

Bereits 1503 wurde der Ochsengries vor dem Stubentorurkundlich erwähnt. Der bekannteste und älteste Lebendviehmarkt von Wien lag anfangs am südwestlichen Stadtrand, im Bereich des heutigen Beethovenplatzes. Jeden Freitag konnten hier Viehzüchter, Händler und Metzger ungarische Ochsen an- und verkaufen. Später, zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde dieser Handelsplatzauf das Gebiet des heutigen Bahnhofs Wien-Mitte verlegt. Der Viehhandel erfolgte auf dem freien Feld. Erst 1760 erhielt der Platz eine hölzerne Umzäunung, den sogenannten Ochsenzwinger.1797 wechselte der Markt erneut den Standort, diesmalnach Sankt Marx.Eine Überdachung des Marktplatzes gab es damals noch nicht. So mussten Züchter und Händler bei schlechtem Wetter oft knietief in Kot und Schlamm waten oder waren im Sommer der direkten Hitze ausgesetzt. 1846 wurde in Sankt Marx mit dem Bau eines Schlachthofes begonnen.
Zwischen 1880 und 1883 errichtete die Baufirma Rudolf Frey unter Mitarbeit des Architekten Adalbert Constantin Swoboda einen Central-Viehmarktfür die Stadt Wien und ihre Umgebung. Die Toranlage mit den beiden gigantischen Stiergruppen, die ohne Zweifel ungarische Grauochsen darstellen, stammt von dem BildhauerAnton Schmidgruber.Wien war bis ins 19. Jahrhundert der Hauptumschlagplatz der ungarischen Ochsen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Tiere nicht mehr auf eigenen Beinen aus Ungarn, sondern wurden mit der Eisenbahn transportiert.

WO SICH DIE OCHSEN „STAPELTEN“
Was war das so genannte Stapelrecht?

Das Stapelrecht (lat.Iusemporii, eigentlich „Marktrecht“ im Sinne von „Verkaufsrecht“) war im Mittelalter das Recht einer Stadt, das durchziehende Kaufleute dazu zwang, ihre Waren in der Stadt für einen bestimmten Zeitraum abzuladen, also zu „stapeln“ und dort anzubieten. Teilweise konnten sich Händler durch Zahlung eines Stapelgeldes von dieser Pflicht befreien.So ein Stapelrecht besaß auch Wien bereits ab 1221. Die Ochsenhändler waren damit gezwungen, die Tiere auf dem Wiener Ochsengries feilzubieten. Am Anfang des 16. Jahrhunderts wurden Teile des Wiener Stapelrechts aufgehoben.

4.3. Weitere Handelszentren

Weitere wichtige Handelsplätze für die „Ungarochsen“ waren die Märkte im Umkreis von Wien:Bruck an der Leitha, Götzendorf, Ebenfurth, Himberg und Laxenburg, die bereits im ersten Kapitel erwähnt wurden (siehe Seite X.).Auf dem Gebiet des heutigen Oberösterreich wurden Viehmärkte in Ebelsberg, Pregarten, Klaffer, Hitzing, Schärding, Braunau, Ried und Freistadt abgehalten.

Ein regionales Zentrum desOchsenhandelswar die Gemeinde Rohrbachim Oberen Mühlviertel. Der Ort erhielt bereits im Mittelalter Marktprivilegien, die nach den Hussitenkriegen 1459 vom Landesfürst Albrecht VI. erneuert wurden.Der RohrbacherWochenmarkt entwickelte sich im Laufe der Zeit zum wichtigsten Viehmarkt des Mühlviertels. In der Blütezeit (15.-16. Jh.) wurden hier jeden Montag rund 1.300 Stück Vieh zum Kauf angeboten.Der Ochsenhandel aus Ungarn nach Bayern stellte für die Bevölkerungfür längere Zeit eine wichtige Einnahmequelle dar. Die montäglichen Ochsenmärkte in Rohrbach fanden noch bis zum Zweiten Weltkrieg statt.

FEILSCHEN UM DAS HORNVIEH
Ein Markttag in Rohrbach

Jeden Montag fand auf dem Marktplatz von Rohrbach ein reges Treiben statt.
Das Vieh wurde durch die Berggasse zum Marktplatz getrieben. Am Platzeingang überprüften ein Tierarzt und je ein Vertreter der Gemeinde und der Gendarmerie den Gesundheitszustand der Ochsen und die Viehpässe – eine Qualitätssicherungsmaßnahme sozusagen. Auf beiden Seiten des Marktes wurden dann die Tiere an ein Geländer angebunden und standen so zum Begutachten, Vergleichen und Verkaufen bereit. Die ausschließlich männliche Kundschaft – Landwirte, Metzger und Händler – verglich lange und ausgiebig die Ware, prüfte Gebisse und Hörner, maß die Widerristhöhe nach, fragte nach dem Gewicht. Das Geschäft wurde per Handschlag getätigt. An den Zahltischen aus Granit, von denen drei noch heute auf dem Rohrbacher Marktplatz stehen, wurden die Zahlungsmittel geprüft, denn am Klang von Silber auf Granit erkannten die Händler die Echtheit der Münzen.

4.3. Triebwege und „Ochsenstraßen“ in Österreich

Die Routen des europäischen Oxenwegesin Österreich sind nur teilweise erforscht und belegt. Durch schriftliche Dokumente und Flurnamen lassen sich bestimmte Strecken rekonstruieren, doch es klaffen noch größere Lücken im Wegenetz, wo man nur vermuten kann, wo die Herden entlanggetrieben wurden.

Südlich der Donau führte eine Ochsenstraße von Wien über Amstetten, die Ebelsberger Maut, Eferding, Peuerbach und Raab nach Schärding und Passau. Von dieser Route gab es eine Abzweigung über Neufelden nach Rohrbach. Aber auch von Pregarten aus konnte man über Linz zwischen Alkoven und Schönering den Anschluss an die südlich der Donau verlaufende Triebroute finden. Rohrbach stellte als Kreuzungspunkt der Triebwege von Leonfelden und Neufelden sowie als Rast- und Handelsplatz vor dem Übergang nach Bayern über die Klafferstraße ein regionales Zentrum dar.Durch das Mühlviertel führte eine Straße vom Waldviertel kommend über Königs¬wiesen nach Pregarten und weiter über Schenkenfelden, Leonfelden, Haslach, Rohrbach und Aigen bis Nürnberg. Um die kaiserliche Mautstelle in Linz und die risikoreiche Innüberquerung bei der Furt von Schärding zu umgehen, wählten bayerische Händler des Öfteren den Weg durchs Mühlviertel und dann weiter nach Passau und Regensburg. [Abbildung: Karte mit Routen]

Einige Strecken des ehemaligen Oxenweges werden bis zum heutigen Tage als „Ochsenstraße“ bezeichnet. Viele dieser Routen waren in Österreich bereits zu Zeiten der Römer oder teilweise schon in der keltischen Zeit benutzte alte Heeres- und Handelswege:
•    die Ochsenstraße bei Altheim, Flußübergang der Ache mit dem FlurnamenHörfurt
•    die Ochsen- oder Hörstraße bei Eferding
•    die Römerstraße Eferding bis Passau
•    die Ochsenstraße von Hartkirchen nach Schlögen
•    die vorrömische Ochsenstraße in Leonding (heute Limesstraße)
•    die Ochsenstraße zwischen Passau und Straubing
•    Ebelsberg – Kleinmünchen – Hart – Jetzing – Hitzing – Straßham Richtung Schärding (zwischen Schönering und Alkovenebenfalls als „Ochsenstraße“ bezeichnet)
•    und eine alte Ochsenstraße führt auch von Hitzing über Leondingnach Linz.
Ein Ochsenhorn im Wappen der Gemeinde Pasching, unweit von Linz,erinnert ebenfalls an die Zeiten des Ochsenhandels.Esverweist vermutlich auf die bereits in vorrömischer Zeit benutzte Handelsstraße, die später Teil des Donaulimes war.

4.4. Mautstellen in Österreich

Bekannt ist die WelserischeViehmautvonEbelsberg . Kaiser Friedrich III. gestattete den Bürgern von Wels, das Stadttor beim Pfarrhaus zu öffnen und dort Maut zu erheben. Seit 1452 war das Mautrecht an die Stadt verpachtet. Diese Maut wird  in den schriftlichen Quellen als „Welser Vieh- oder Ochsenmaut“ bezeichnet. Die Mautrechnungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert (1535-1671) geben detailliert Auskunft über die  Höhe der Mauteinnahmen,  die Menge der durchgetriebenen Tiereund die Herkunft der Händler. Im 16. Jahrhundert stiegen die Einnahmen kontinuierlich. Die größten Mauteinnahmen erhielt die Stadt Wels im Jahre 1567 mit 104 Gulden. In diesen ertragreichen Jahren wurden jährlich bis zu 14.000 Ochsen vermautet. Die Listen belegen außerdem, dass ein Großteil der Händler (29 Personen) aus Augsburg stammte, die anderen Gebührenzahler kamenu.a. aus Ulm, München, Straubing und Passau. Um 1600 gab es interne Probleme mit dem Mautner, so dass kurzfristig die Maut gesperrt wurde, 1610 dagegen plünderte das Passauer Kriegsvolk die Mautkasse. Nach diesen Turbulenzen flossen bis 1650wiederregelmäßig Mauteinnahmen für die Stadt Wels. Anschließend reduzierten sich die Mauteinkünfte ganz plötzlich, so dass diese kaum noch die Unkosten für die Verwaltung deckten. Die Stadt versuchte, die nicht mehr so attraktive Maut weiter zu verpachten, doch das Interesse an dem „toten Geschäft“ blieb verständlicherweise gering. Einerseits fällt diese Zeit mit dem allgemeinen Rückgang der Ochsentriebe zwischen 1670-1720 zusammen, andererseits vermutet man, dass die Route über Ebelsberg ab Mitte des 17. Jahrhunderts kaum noch benutzt wurde.

Die Mautstelle Pregarten ist ebenfalls durch Mautrechnungen bekannt (1570-1667). Die Anzahl der vermautetenOchsen ist im Vergleich zu Ebelsberg wesentlich geringer, was auch daran lag, dass es sich hier um eine nördliche Nebenroute der Ochsentriebe handelte, die nur von bestimmten Händlern frequentiert wurde: zum Beispiel von Händlern aus Nürnberg oder Regensburg. Die Anzahl der Nürnberger Händler ist hier auffallend größer als in Ebelsberg, wo die Augsburger eine dominante Rolle spielten. Erst im 17. Jahrhundert tauchen die Augsburger stärker in den Pregartener Mautrechnungen auf. Der Mautsatz pro Ochsen betrug bis 1592 einen Pfennig, ab 1628 einen Kreuzer (zu 4 Pfennig). Die größte Herde passierte diese Mautstelle am 17. August 1570: Ein Vilshofener Bürger trieb eine Herde mit 400 Ochsen durch.

Die Hauptmautstelle war in der StadtLinz. Die Linzer Mautrechnung von 1627 bestätigt den Durchtrieb von 14.374 Ochsen, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus Ungarn stammten. Auch hier dominierten die Augsburger und Nürnberger Ochsenkäufer. Der Mautsatz lag bei 9 Pfennig Geleitgeld, ab 100 Stück Vieh räumte man jedoch gewisse Nachlässe ein. An dieser Mautstelle wurde über den eigentlichen Mautsatz und Zettelgeld hinaus noch eine gesonderte Abgabe von einem Pfennig pro Tier erhoben.

Mautrechtbesaßauch die älteste Stadt Österreichs, Enns, wo neben der Stadtmaut auch Gebühren für die Überquerung der Donau erhoben wurden. Die Aufstellung der Maut zu Enns, die Niclas Guelher für Herzog Albrecht III. am 30. November 1386 anfertigte, ist eines der frühesten Verzeichnisse dieser Art in Österreich. Die breite Palette von Gütern, die auf Donau und Enns sowie auf den Straßen die Stadt passierten oder hier angeboten wurden, ist erstaunlich. Wie hoch die tatsächlichen Einnahmen aus der Maut für den Landesherrn waren, ist jedoch nicht überliefert.

Die Herrschaft Falkenstein besaß eine zentrale Mautstelle in Wildenranna sowie eine weitere Mautstelle in Niederranna. Doch zahlreiche süddeutsche Viehhändler versuchten diese Herrschaftsmaut zu umgehen und wählten lieber den Weg durch den Klafferwald. Das gefiel der Herrschaft Falkenstein nun gar nicht und so errichtete diese im 16. Jahrhundert auch in Klaffer eine Mautstelle. „Von jedem HungerischenOxen ist man der Herrschaft Falckhenstain vier Pfening zu Mauth zu raichen schuldig“, lautete die Anweisung aus dem Jahre 1607.

Bekannt sind auch die Aufzeichnungen des Mautners Jakob Böck von Ulrichsbergaus dem Jahre 1588. Für insgesamt 5.158 Tiere hatte er in diesem Jahr Mautkassiert, die meisten Händler kamen aus Straubing. Diese Mautstelle gehörte dem Stift Schlägl. Der Mautner von Ulrichsberg wurde außerdem verpflichtet, die in Linz ausgestellten Geleitzettel zu überprüfen. Falls der Händler keinerlei Bestätigung über geleistete Mautzahlungen vorweisen konnte, musste er wieder nach Linz zurück.

Ein Vergleich der verschiedenen Mautstellenin den Jahren 1627/28:
Zahl der vermauteten Ochsen:
Ebelsberg (1627)    10.927
Klafferwald (1627)    1.967
Linz (1627)        1.480
Pregarten (1628)    2.761

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