2.3.1 Endstation Süddeutschland

Kapitel 5 Endstation Süddeutschland
Die fleischhungrigen Städte

5.1. Die süddeutschen Städte als Verbraucherzentren und Auftraggeber
Endstation der Lieferungen waren die süddeutschen Städte, allen voran Augsburg und Nürnberg, aber auch München, Ulm, Regensburg, Neuburg an der Donau, Straubing und einige andere Orte werden in schriftlichen Dokumenten erwähnt. Manche Ochsentriebeführten sogar bis nach Frankfurt, Straßburg oder Köln.
DieStädte machten in der Frühen Neuzeit eine enorme Entwicklung durch. Sie erhielten immer mehr Rechte zur Selbstverwaltung und mit wachsendem Gewerbe und Handel kamen sie zu Reichtum und Macht. Eine finanzstarke Schicht bildete sich heraus, reiche Bürger,Kaufleute und Fernhändler, die ihr Geld investierten oder gegen Zinsen verliehen. Sie konnten sich auch Luxusgüter wie teures Fleisch, exotische Gewürze, kostbare Textilien und anderes mehr leisten, im Gegensatz zu anderen, ärmeren Bevölkerungsschichten.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gehörten Augsburg und Nürnberg mit ca. 30.000 bzw. 40.000 Einwohnern zu den größten und bedeutendsten Städten Europas. Augsburg wurde außerdem durch die Fugger und Welserzu einem wichtigen internationalen Handels- und Finanzzentrum. Der berühmte Jakob Fugger der Reiche (1459–1525) war der größte Kaufherr, Bankier und Montanunternehmer seiner Zeit. Seine Handelsbeziehungen reichten bis nach Indien und Südamerika.Auch wenn der Ochsenhandel in den zahlreichen Geschäftsbeziehungen der Fugger und Welser wahrscheinlich eine eher untergeordnete Rolle spielte, tauchen dennoch auch ihre Namen als Kreditgeber von Ochsenimporten auf.

DIE „GEIZIGEN“ FUGGER:
DIE ETYMOLOGIE DES UNGARISCHEN WORTES „FUKAR“

Die Fugger waren in ganz Europa bekannt, auch in Ungarn. Das ungarische Wort „fukar“, das soviel bedeutet wie geizig, knauserig, knickerig, ist auf den Familiennamen der Fugger zurückzuführen.  Da auch die ungarischen Könige wie viele andere Herrscher damals ihre Darlehen von den Fuggern erhielten und die Augsburger HandelsfamilieMonopole an Bergwerken, Zöllen und der Münzprägung besaß, sagte man, die Fugger hätten das ganze Land in der Tasche. In der Bevölkerung hatten sie den zweifelhaften Ruf der Wucherer. Zuerst wurden Geldverleiher und Zolleintreiber als „fukar“ bezeichnet, später (ab dem 19. Jahrhundert) hatte das Wort seine heutige Bedeutung „geizig“ erhalten.




Einige Städte, allen voran die Stadt Augsburg, nahmen auch direkt als Importeure, als Auftrag- und Geldgeber am Ochsenhandel teil. Der Rat der Stadt war daran interessiert, die Versorgung der Stadtbewohner mit Lebensmitteln zu sichern und legte zum Beispiel Getreidevorräte an. Fleisch war aber nur begrenzt haltbar, so war es im Falle der Fleischversorgung etwas schwieriger, praktikable Regelungen zu finden. Um die Konkurrenz zwischen den Metzgern gering zu halten, führte die Obrigkeit in der Stadt Augsburg eine feste Schlachtquote ein. Auch die maximalen Fleischpreise wurden vom Rat festgesetzt, um die Konsumenten zu schützen, das waren die so genannten Fleischtaxen. Da die Schwankungen auf dem Viehmarkt jedoch ziemlich groß waren, mussten immer wieder Korrekturen durchgeführt werden, die dem Markt dann doch nicht immer gerecht wurden. Entweder waren die Metzger unzufrieden, dass die festgelegten Höchstpreise zu niedrig waren, oder die Konsumenten beschwerten sich, da sie ohne die Preisregulierung das Fleisch vielleicht günstiger bekommen hätten. Die städtische Obrigkeit kümmerte sich also aktiv um die Fleischbeschaffung, gab Kaufanweisungen an die Metzgergesellschaften und unterstützte die Fleischversorgung mit Krediten oder Subventionen.  Anlässlich der Hungersnot in den Jahren 1570 und 1571 handelte die Reichsstadt Augsburg besonnen und gewährte hohe Vorschüsse für den Ochsenkauf. Im Jahre 1578 erhielten die Augsburger Metzger sogar ein noch großzügigeres Darlehen aus der Stadtkasse in Höhe von 109.000 Gulden. In manchen Jahren der Fleischknappheit (1530 und 1534) trat der Augsburger Rat als Ochsen-Importeur auf und veranlasste den nötigen Einkauf selbst. In den 1590er-Jahren importierten die Augsburger etwa 8.000 ungarische Ochsen pro Jahr. Hinsichtlich der  Stückzahlen rangierten die Augsburger Metzger ab Mitte des 16. Jahrhunderts an erster Stelle unter den süddeutschen Städten.
In Nürnberg wurde im 16. Jahrhundert sogar ein Ochsenamt ins Leben gerufen, das zur Finanzierung der Ochsenkäufe Kredite bewilligte und vergab. Im Jahre 1574 beantragte ein Konsortium, bestehend aus 18 Nürnberger Metzgern, ein Darlehen von 10.000 Gulden, um 600 Ochsen einzukaufen. 4.000 Gulden wurden schließlich bewilligt, davon konnten die Metzger in Wien 226 ungarische Ochsen und 800 Schafe erwerben. Die Höhe der Nürnberger Vorschüsse erreichte jedoch nie die Summen, die Augsburg oder Venedig ihren Vieheinkäufern gewährten.
Anlässlich des Reichstages 1358 in Nürnberg kümmerte sich Kaiser Karl IV. persönlich um die Versorgung der Reichstagsteilnehmer und orderte neben Brot, Bier und anderen Nahrungsmitteln auch Schlachtochsen aus Ungarn.
Im Jahr 1542 stand der Nürnberger Jobst Furtner mit vier ganzen Herden in den ungarischen Zollunterlagen an erster Stelle als Ochsenexporteur und musste dabei insgesamt 28.420 Forint Zoll entrichten.
Auch der Münchner Hof, vertreten durch den Hofmetzger, trat öfters als direkter Käufer in Erscheinung. Der Hofmetzger besuchte auf Anweisung seit 1574 jährlich den Laurenzimarkt in Himberg, um dort jeweils ca. 100 ungarische Ochsen, aber auch Hammel einzukaufen. Als Kreditgeber fungierte das Craffter’sche Handelshaus in Augsburg. So ein Beauftragter des Herzogs genoss natürlich vielerlei Privilegien beim Einkaufen, kaiserliche Freibriefe für die Zollbefreiung und Vorkaufsrechte bei den Bauern, die sonst als Fürkauf streng verpönt waren.
5.2. Routen, Mautstellen und Märkte

Da die Zielorte der Händler unterschiedlich waren, gab es auch verschiedene Routen in und durch Bayern. Belegt sind die zwei Hauptrouten nach Augsburg: Dereine Weg verlief von Schärding über Straubing, Langquaid, Neustadt an der Donau, Geisenfeld, Schrobenhausen, Kühbach, Aichach, Dasing, Friedberg nach Augsburg (die so genannte „Paar-Route“), der andere führte über Landshut, Moosburg, Pfaffenhofen oder über Freising, Allershausen, Petershausen, Altomünster oder über Zeitlbach und Friedberg in die Reichsstadt Augsburg. Dokumentiert ist auch die Tatsache, dass die Route von Altomünster über Zeitlbach nach Friedberg wegen der Dreifelderwirtschaft nur jedes 3. Jahr benutzt werden durfte, nämlich, wenn die Felder gerade brach lagen.

Für die Herden, die Nürnberg als Endziel ansteuerten, führte der Weg über Klafferwald durch das Tal des Schwarzen Regens weiter Richtung Viechtach, Cham, Schwandorf, Amberg, Sulzbach, Altensittenbach, Lauf bis Nürnberg oder an der Donau entlang bis Passau und von dort weiter über Straubing, Regensburg, Kelheim und Riedenburg.

Bekannte Weideplätzefür die Ochsenherden gab es auch in Bayern vielerorts: am bekanntesten ist dieMeringer Au bei Augsburg , weitere Plätze gab es inScherneck, Wemding oder Ries (siehe auch im Kapitel 1, Seite …), bei Olching an der Amper zwischen Dachau und Fürstenfeldbruck im sogenannten „Grasslfinger Moos“ ,  im Reichswald in der Nähe von Nürnberg oder auch bei Haunwöhr bei  Ingolstadt.
OCHSENSCHLACHT IN HAUNWÖHR BEI INGOLSTADT
EIN STIER AUF DER HISTORISCHEN KARTE
Eine interessante Abbildung findet man sowohl auf einer der „Bayerischen Landtafeln“ (Tafel 9) von Philipp Apian (1531-1589) als auch auf der historischen Karte von Peter Weinerus um 1579, die als Hauptwerke der bayerischen Kartographie gelten. Bei Ingolstadt sieht man landesgeschichtlich relevante Abbildungen des Heerlagers Kaiser Karls V. im Schmalkaldischen Krieg 1546 und daneben einen Stier im Gatter. Das ist dieso genannte „Ochsenschlacht“ von Haunwöhr, ein historisch verbürgter Ort, an dem von Ungarn kommende Rinder zwischengelagert und auch geschlachtet wurden.
Haunwöhrwar eine Zwischenstation und Weideplatz des Oxenwegs, die Zollbücher von Ingolstadt belegen für das Jahr 1555 ca. 8.000 Tiere. Geschlachtet wurde hier jedoch nur ein kleiner Teil davon.
Niederpöring an der Isar (heute ein Ortsteil der Gemeinde Oberpöring im niederbayerischenLandkreis Deggendorf) hatte eine Brückenfunktion, hier konnten die Herden die Isar überqueren. Die Niederpöringer Brücke und die dortige Maut wurden bereits im 14. Jahrhundert schriftlich erwähnt. Die Mautrechnungen aus dem Jahre 1588 belegen, dass hier 15.744 ungarische Ochsen vermautet wurden, die von 44 Metzgern bzw. Händlern eingeführt wurden. Für die Ochsen gab es feste Mautbeträge je nach Herdengrößen mit 50, 100, 150 oder 200 Tieren. Das machte die Arbeit des Mautners jedoch nicht einfacher. Laut Aufzeichnungen gab es bei den nicht rundenHerdengrößen oft Unstimmigkeiten oder auch Rechenfehler. Der durchschnittliche Mautsatz lag bei 1,48 Pfennig pro Tier. Was die Herkunft der Händler betrifft, so rangierten die Augsburger auch hier an erster Stelle, gefolgt von Ulmer, Straubinger und Münchner Viehhändlern. In Niederpöring fanden auch regelmäßig Viehmärkte statt, bei denen hauptsächlich ungarische Ochsen feilgeboten wurden.  
Riedenburg im Altmühltal hatte ebenfalls eine Mautstelle, an die das Fürstentum Pfalz-Neuburg und das bischöfliche Eichstätter Gebiet grenzten. 16 Mautrechnungen aus der Zeit zwischen 1579–1620 sind erhalten geblieben und geben Auskunft über 28 Ochsenherden mit insgesamt 1.954 Tieren. Diese Route war vorwiegend von Nürnberger Händlern frequentiert, die hier mit unterschiedlich großen Herden vorbeizogen.

Schrobenhausengehörte in der Zeit der Ochsentriebezum Herzogtum Bayern, Neuburg dagegen war eine Residenzstadt des eigenständigen Herzogtums Pfalz-Neuburg. An der Grenze mussten ebenfalls Zölle entrichtet werden. Ein Schrobenhausener Ratsprotokoll aus dem Jahre 1747 beweist, dass auch noch Mitte des 18. Jahrhunderts ungarische Ochsen durch Schrobenhausen getrieben wurden:
ANGST VOR VIEHSEUCHEN
UNGARISCHE OCHSEN ÜBERNACHTEN AUF DEM KELLERBERG

Ungarische Ochsen waren „gestern in der früh um 2 Uhr“ durch den Schrobenhausener Burgfried getrieben worden. Sie haben auf dem Kellerberger Feld „die Weide“ genossen und sind einige Stunden liegen geblieben. Damit nicht wieder ein Schaden wie 1745 geschehe,(es ist von einer Viehseuche die Rede, von der man glaubte, die ungarischen Ochsen hätten sie eingeschleppt), beschließt der Rat: Man solle die Äcker, auf denen die Ochsen gestanden, umackern und das „hiesige“ Vieh einige Zeit nicht mehr dorthin treiben. Wenn aber wieder „derlei Ochsen“ ankommen würden, müssten die auf der Straße verbleiben, wenn solche aber über Nacht bleiben wollten, müsste das an einem „abseitigen Ort“ geschehen.


Ochsenmärktefanden in Deutschland in vielen Städten entlang des Oxenweges statt: in Passau, Niederpöring, Straubing, Grafenau, Hauzenberg, Regen, Deggendorf, Dornach, Landshut, Petershausen, Regensburg, Bamberg, Augsburg, Friedberg und Nürnberg.